Kein Psychologe, keine Eltern: Forscher zeigen, wer einem Jugendlichen mit geringem Selbstwertgefühl am meisten helfen kann

Es gibt Momente, in denen man jemanden, den man über alles liebt, leiden sieht – und trotzdem nicht weiß, wie man helfen soll, ohne alles schlimmer zu machen. Für viele Großmütter ist genau das die schmerzhafteste Situation: den Enkel oder die Enkelin in einer stillen Krise zu beobachten, den Rückzug zu spüren, die leeren Blicke zu bemerken – und dennoch das Gefühl zu haben, dass jedes gut gemeinte Wort wie ein falscher Schritt wirken könnte.

Was hinter dem Rückzug wirklich steckt

Jugendliche, die unter einem geringen Selbstwertgefühl leiden, zeigen das selten offen. Stattdessen äußert es sich oft in kleinen, fast unsichtbaren Verhaltensweisen: Sie vergleichen sich ständig mit anderen – im echten Leben und besonders in den sozialen Netzwerken – zweifeln an ihren schulischen oder sozialen Fähigkeiten und ziehen sich aus Gesprächen zurück, die ihnen früher Freude gemacht haben. Laut der KiGGS-Welle 2 des Robert Koch-Instituts, die Daten aus den Jahren 2014 bis 2017 umfasst, weisen 18,1 Prozent der Mädchen und 11,5 Prozent der Jungen im Alter von 11 bis 17 Jahren emotionale Symptome auf, die mit einem niedrigen Selbstwertgefühl korrelieren können – darunter innere Unruhe und anhaltende Traurigkeit.

Was viele Erwachsene unterschätzen: Dieser Rückzug ist kein Zeichen von Ablehnung. Es ist ein Schutzmechanismus. Jugendliche, die sich innerlich klein fühlen, meiden oft genau jene Menschen, denen ihre Meinung am meisten bedeutet – weil sie Angst haben, zu enttäuschen.

Warum Großmütter eine besondere Rolle spielen

Eltern tragen im Leben eines Teenagers eine komplexe emotionale Last: Sie sind gleichzeitig Autoritätspersonen, Erwartungsträger und Spiegel gesellschaftlicher Ansprüche. Großmütter sind das oft nicht. Sie stehen außerhalb des direkten Erziehungsgefüges – und genau das macht sie zu einem der wertvollsten emotionalen Ankerpunkte für Jugendliche.

Eine Studie von Attar-Schwartz und Kollegen, veröffentlicht im Journal of Family Psychology im Jahr 2009, zeigt, dass enge Beziehungen zu Großeltern das psychische Wohlbefinden von Jugendlichen fördern – besonders dann, wenn Großeltern als nicht-wertende, unterstützende Figuren wahrgenommen werden. Das bedeutet: Nicht trotz, sondern wegen ihrer Rolle als Großmutter kann sie genau das bieten, was ein Teenager in dieser Phase am meisten braucht – einen sicheren Raum ohne Bewertung.

Wie das Gespräch gelingt, ohne aufzudrängen

Der größte Fehler, den gut gemeinte Erwachsene in dieser Situation machen, ist, das Problem direkt anzusprechen. Sätze wie „Ich mache mir Sorgen um dich“ oder „Du wirkst in letzter Zeit so traurig“ setzen den Jugendlichen unter Druck, sich zu erklären – und lösen oft das Gegenteil von Öffnung aus.

Was stattdessen funktioniert: Gemeinsame Aktivitäten schaffen Nähe ohne Druck. Ein Spaziergang, gemeinsam kochen, ein Film – Situationen, in denen das Gespräch kommen kann, aber nicht muss. Haim Ginott beschreibt in seinem Werk Between Parent and Teenager aus dem Jahr 1969, dass Jugendliche sich in informellen, aktiven Settings deutlich eher öffnen als in direkten Gesprächen von Angesicht zu Angesicht.

Eigene Geschichten teilen, bevor man fragt. Wenn die Großmutter von eigenen Unsicherheiten in ihrer Jugend erzählt – ohne dabei sofort eine Moral zu liefern – signalisiert sie: Ich kenne das. Du bist nicht allein. Das senkt die Scham, die Jugendliche mit geringem Selbstwertgefühl fast immer begleitet.

Beobachtungen benennen, ohne zu interpretieren. Statt „Du wirkst unglücklich“ lieber: „Ich hab bemerkt, dass du in letzter Zeit weniger von dir erzählst. Das muss gar nichts bedeuten – aber wenn du irgendwann reden möchtest, bin ich da.“ Dieser kleine Unterschied in der Formulierung gibt dem Jugendlichen die Kontrolle zurück.

Echtes Interesse zeigen – auch an scheinbar unwichtigen Dingen. Wenn der Enkel oder die Enkelin über ein Spiel, eine Serie oder eine Musikgruppe spricht, die die Großmutter nicht kennt: nachfragen. Ernsthaft. Jugendliche spüren sofort, ob Interesse echt ist oder nur als Einleitung für einen Erziehungsvortrag dient.

Das Thema Selbstwert behutsam einführen

Wenn sich erste Momente des Vertrauens zeigen – wenn der Jugendliche anfängt, von sich zu erzählen – ist es verlockend, sofort mit Ratschlägen zu antworten. Aber auch hier gilt: Zuhören schlägt Lösen.

Was helfen kann, ist das sogenannte Spiegeln: Die Großmutter wiederholt mit eigenen Worten, was sie gehört hat. „Du hast das Gefühl, dass die anderen das alles viel leichter hinkriegen als du?“ Carl Rogers beschreibt diese Technik in Client-Centered Therapy aus dem Jahr 1951 als zentrales Element der klientenzentrierten Therapie. Sie zeigt dem Jugendlichen, dass er wirklich gehört wurde – und das allein kann bereits eine spürbare emotionale Entlastung sein.

Stärken benennen sollte nicht in Form von Komplimenten geschehen, die wertend klingen. Besser ist es, konkrete Situationen in Erinnerung zu rufen: „Weißt du noch, wie du damals das Problem mit dem Fahrrad selbst gelöst hast? Das hat mich wirklich beeindruckt.“ Spezifisches Lob wirkt tiefer und glaubwürdiger als allgemeines Loben.

Was hilft Teenagern mit Selbstzweifeln am meisten, sich zu öffnen?
Gemeinsame Aktivitäten ohne Druck
Ehrliche Geschichten der Großmutter
Ruhiges Dasein ohne Worte
Direkt über Gefühle reden

Wann professionelle Unterstützung sinnvoll ist

Es gibt Grenzen dessen, was eine Großmutter – so liebevoll und aufmerksam sie auch sein mag – leisten kann und leisten sollte. Wenn der Rückzug über Wochen anhält, wenn der Jugendliche aufhört zu essen, kaum noch schläft, sich vollständig isoliert oder Anzeichen von Hoffnungslosigkeit zeigt, ist es wichtig, die Eltern behutsam einzubeziehen und professionelle Hilfe in Betracht zu ziehen.

In Deutschland gibt es niedrigschwellige Anlaufstellen, die genau für solche Situationen gedacht sind. Die Telefonseelsorge ist unter der Nummer 0800 111 0 111 kostenlos und anonym erreichbar. Die Bundeskonferenz für Erziehungsberatung bietet zudem eine Online-Beratung an, die sich auch direkt an Jugendliche richtet. Der Hinweis auf solche Angebote sollte niemals als Abschieben wirken – sondern als das, was es ist: ein Zeichen dafür, dass dem Jugendlichen diese Unterstützung zusteht.

Die Stärke einer Großmutter liegt nicht darin, alle Antworten zu kennen. Sie liegt darin, da zu sein – ohne Bedingungen, ohne Erwartungen, ohne den Drang, sofort zu reparieren. Manchmal ist ein ruhiges „Ich bin hier“ das Mächtigste, was man sagen kann.

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